ETA REPORTERIN: „Was ihr wollt“ – ein Interview mit der Regisseurin Mia Constantine

Im Rahmen des ETA CAMPUS war ich als ETA Reporterin unterwegs, um das ETA Hoffmann Theater aus einer anderen Perspektive kennenzulernen und durfte Mia Constatine, die Regisseurin des Stücks „Was ihr wollt“ von William Shakespeare, interviewen.

Nachdem ich mit Unterstützung der Theaterpädagogin Ramona Ullmann einige Fragen erarbeitet hatte, durfte ich persönlich direkt vor Ort in der Alten Hofhaltung mit Mia Constantine sprechen. Ich war etwas aufgeregt, denn die Theaterwelt ist doch ganz anders als der Alltag im Studium der Wirtschaftspädagogik – auch wenn dort im Rahmen der Forschung auch Interviews stattfinden.

Mias offene und lockere Art hat es mir dann aber ganz leicht gemacht und sie hat meine Fragen ganz in Ruhe beantwortet. Da ich das Stück vorher nicht kannte und ich aufgrund meiner Recherchen und dem spannenden Interview schon sehr neugierig war, habe ich mich ganz besonders gefreut, dass ich im Anschluss bei einer Hauptprobe hautnah dabei sein durfte und wüsche allen Leser*innen viel Freude beim Interview und evtl. auch beim Besuch des Stücks.

Was macht das Stück „Was ihr wollt“ für dich aus? Welche Themen interessieren dich daran besonders und welche sind aktuell noch relevant?

Es ist Shakespeares letzte Komödie, die er an der Pieke seines Schaffens geschrieben hat. Und man merkt, dass das wirklich eine Komödie ist, die alles beinhaltet. Es sind viele Themen enthalten – die Verwechslung, Geschlechtervertauschung, verschiedene Liebeskonstellationen. Es gibt Figuren, die in eine Not geschickt werden, weil sie von anderen Figuren aufs Korn genommen werden. Wir haben wirklich das Gefühl, Shakespeare hat alles, sein ganzes Schaffen, nochmal in diese Komödie gelegt. Und dadurch ist es sehr turbulent. Thematisch ist natürlich groß darüber das Thema Liebe in all ihren Facetten. Figuren, die schwer verliebt sind und unbedingt jemanden kriegen wollen, die alles probieren. Es gibt Figuren, die glauben, sie verlieben sich in einen Mann, obwohl dahinter eine Frau steckt, die sich als Mann verkleidet hat. Also alles ist etwas kompliziert, turbulent, wirr, aber mit einem großen Spaß und einer großen Freude. 

Und relevant macht es das insofern, weil natürlich alle Figuren so eine Art Spiegel sind. Wir sehen uns selbst in diesen Figuren. Jeder war schon mal verliebt und jeder hat schon mal Liebeskummer gehabt. So können wir uns in sehr menschlichen Facetten wiederfinden, die jetzt vielleicht nicht die großen politischen jahres- oder tagesaktuellen Themen ansprechen, aber die sehr menschliche Themen ansprechen, die eben deshalb so universell und auch über die Jahrhunderte hinweg von Bestand sind und wir eigentlich das Gefühl haben, das könnte auch von heute sein.

Es sind ja nur 7 Köpfe in der Inszenierung. Welche Besonderheiten ergeben sich daraus in der Umsetzung?

Im Original würde man das Stück mit mindestens zehn Leuten spielen. Wir haben versucht, den Kern der Besetzungen zu finden, also um wen dreht es sich wirklich? Welche Figuren sind Randfiguren, bei denen man das Gefühl hat, die kann man auch irgendwie anders zusammenfassen? Dann haben wir auch ein bisschen Geschlechter vertauscht, weil mir das wichtig war. Es gibt eine Gruppe im Spiel, die sich die Saufkumpanen nennen, eine davon ist die Kammerzofe Maria. Da habe ich aus einer männlichen Figur eine Weibliche gemacht, weil ich es interessanter fand, da gemischte Geschlechter zu haben. Also dass man nicht wieder so dieses Klassische „zwei Männer saufen, und die Frau ist die moralische Instanz“ hat, sondern dass die Frau auch mit Party macht. Es gab eine Geschlechter-Entscheidung und dann aber auch eine inhaltliche Entscheidung.

Die Setzung ist ja so, dass ein Schiffsunglück passiert ist und Viola ihren Zwillingsbruder Sebastian verloren hat bzw. glaubt ihn verloren zu haben. Sie wird an die Küste gespült, wo ein Herzog herrscht und ihre einzige Möglichkeit ist es, in seine Dienste zu treten. Aber dafür muss sie sich als Mann verkleiden und erfindet eine Figur: Cesario. Sie wird daraufhin ab und zu für ihren Zwillingsbruder gehalten und es gibt auch Figuren, die sich in Cesario verlieben.

Bei Shakespeare wurden damals alle weiblichen Figuren von jugendlichen Männern gespielt. Da war das der Witz, dass der Mann eine Frau spielt, die wieder einen Mann spielt. Bei uns ist es so, dass die Frau einen Mann spielt, die für einen anderen Mann gehalten wird.

Wie schafft man es, dass eine um 1601 geschriebene Komödie auch heute noch lustig ist?

Also einerseits ist in der Sprache selbst eine Komik enthalten und dann auch in der Situation an sich. Es gibt beispielsweise eine Figur, der man einen Streich spielen will, und wir werden stiller Beobachter dieses Streiches. Wir kriegen hautnah mit, wie diese Figur komplett vorgeführt wird. Also wir sehen 1:1 die Blöße, die diese arme Figur sich gibt und das ist, glaube ich, der Hauptwitz, dass wir als Zuschauer*innen immer ein bisschen schlauer als die da unten auf der Bühne sind. Dadurch haben wir immer einen leichten Vorsprung und ahnen, wie das vielleicht ausgehen könnte, während die Figur aber gar nichts ahnt. Das ist Schadenfreude in ihrer besten Ausführung. Und ich glaube, Schadenfreude ist eine der schönsten Freuden, weil es einfach wahnsinnig Spaß macht, eine Figur zu erleben, die in einer ganz großen Not und in ganz großen Problemen steckt.

Was ist der Unterschied der Freilichtbühne zu einer regulären Bühne?

Ich finde, es ist durch den Ort allein immer schon wahnsinnig poetisch. Und die Alte Hofhaltung in Bamberg hat ja schon in sich so eine Poesie, in so einer Abendstimmung, dann ziehen da Schwalben an den Mauern vorbei… Und das kann man in das Spiel gleich mit reinbringen – es ist ein verzaubertes, poetisches Spiel. Man muss auch alles ein bisschen größer und mehr denken, weil man nicht den Schutz eines Raums hat und die Energie schnell wegfliegen kann. Man spielt also etwas größer, vielleicht ein bisschen „lustvoller“. Man hat natürlich auch wahnsinnige Distanz und auch der Raum hat keine Akustik in dem Sinne, wie man sie im Theater hat. Das heißt, man muss auch mit der Stimme mehr geben.

Magst du persönlich Shakespeare gerne? Und falls ja, welches ist dein Lieblingswerk?

Ich finde das schwer mit Lieblingswerken, weil ich finde, dass es gerade bei Shakespeare auch besonders ist. Es gibt so wahnsinnig viele Übersetzungen; in unserem Fall nutzen wir die Schlegel-Tieck Variante, also die, die man in der Schule im Reclam liest, die auch etwas altmodisch daherkommt, aber eine wahnsinnig tolle Sprache hat, eine Bildsprache, eine alte Sprache, die trotzdem etwas Modernes hat.

Und deshalb hat man nicht so richtig das Lieblingsstück. Also die Komödien sind mir persönlich ein bisschen näher, doch Romeo und Julia in einer tollen Sprache… Aber klar „Was ihr wollt“ ist von den Komödien schon eine der facettenreichsten.

Siehst du Parallelen zwischen dem Stück und der aktuellen Situation, auch auf Corona bezogen? Und kommt das auch irgendwie in die Inszenierung mit rein?

Nein. Also natürlich nach anderthalb Jahren, in denen wir uns ein bisschen wie in einem Dornröschenschlaf befunden haben, ist es so, dass wenn man jetzt sagt, man macht Shakespeare, man macht Freilicht, man macht „Was ihr wollt“… dann birgt das natürlich automatisch eine extreme Lust. Alle sind heiß und wollen spielen, alle wollen raus. Und natürlich hat man größere Themen. „Was ihr wollt“ hat den Untertitel „The twelth night“, also die zwölfte Nacht. Das ist eine dieser Rauhnächte zwischen Weihnachten und Heilig Drei König, wo das alte Jahr verabschiedet wird, da gibt es in unterschiedlichen kulturellen Regionen verschiedene Bräuche und Feste. Man verkleidet sich, tauscht Identitäten und Geschlechter, man feiert. Und das ist etwas, das wir aufgegriffen haben und wo wir gemerkt haben, dass das natürlich etwas ist, wonach eine Sehnsucht da ist. Danach wieder gemeinsam ein Fest zu feiern, tanzen, sich verkleiden, sich spüren. Und das ist schon eher der Einfluss von Corona: wir können wieder, es ist ein bisschen Erleichterung, ein bisschen Anarchie.

Welche Rolle spielt Diversität in der Inszenierung?

Es gibt natürlich diese Geschlechterthematik, diese Geschlechterauflösungen. Also wie gehe ich damit um?  Was heißt das jetzt, wenn ich plötzlich einen Mann spiele? Was muss ich denn da überhaupt machen und so? Das ist natürlich irgendwie drin. Und dann die Frage „Wer liebt wen?“. In dem Fall wird in alle Richtungen geliebt, da spielt das Geschlecht überhaupt keine Rolle. Da liebt einfach Maria Olivia und Cesario Orsino und wie gesagt, ein Mann einen Mann und eine Frau eine Frau. Aber das wird nicht thematisiert, das ist einfach eine große Selbstverständlichkeit, eine große Menschlichkeit.

Was hatte dich dazu bewegt, nach dem Theaterpädagogikstudium dann nochmal zu studieren? Und interessiert dich Theaterpädagogik weiterhin?

Ich bin über die Erziehungswissenschaften und Kunstgeschichte gegangen und der Plan war eigentlich, Richtung Museumspädagogik, also Vermittlung, zu gehen. Mich hat vor allem die Vermittlung von moderner Kunst für Kinder interessiert, darüber habe ich dann auch meine Magisterzwischenprüfung geschrieben. Dann, über ein Praktikum und über verschiedene Zufälle, bin ich in der Theaterpädagogik in Wiesbaden gelandet und habe gemerkt, die Theaterluft hat mich sofort infiziert und ich wollte bleiben. Da kam ich dann eigentlich erst auf die Idee, doch nochmal zu studieren. Und zwar Regie, weil ich schon gemerkt habe, dass das für mich der interessantere Weg war. Die Theaterpädagogik habe ich aber nicht ganz ausgeschlossen, weil ich auch während des Studiums nah an den Theaterpädagog*innen dran war. Ich habe immer reingehört, was die gerade machen… Während meiner beruflichen ersten Jahre als Regieassistentin habe ich auch den Jugendclub geleitet und habe noch andere Projekte mit Jugendlichen am Theater gemacht. Und das ist schon eine Form, die mich weiterhin interessiert. Ich glaube so der Theaterpädagogikberuf an sich, wie er derzeit an einem Theater ist, wäre nichts für mich, weil ich gar nicht fest irgendwo arbeiten möchte. Ich finde dieses frei arbeiten entspricht mir im Moment mehr. Ich glaube aber, dass es ein toller Beruf ist, der sich im Moment wahnsinnig weiterentwickelt und stellenweise nochmal total neu erfindet.

Welche Rolle schreibst du dem Theater innerhalb der Welt zu, also auch innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung?

Natürlich ist es immer noch etwas sehr Elitäres, es ist irgendwie etwas Privilegiertes, es fehlen immer gewisse Gesellschaftsschichten. Aber deshalb mache ich Theater für Jugendliche oder für Kinder auch mit einer ganz großen Leidenschaft. Da stelle ich fest, dass wir ein größeres Publikum erreichen, weil ich zwar eine Altersgruppe habe, aber aus unterschiedlichen Schulformen. Die Schüler*innen haben unterschiedliche Herkünfte und mein Eindruck dort war immer, dass es ein viel bunteres, gemischteres Publikum ist, auch wenn es in seiner Altersstruktur erst einmal homogen ist. Da habe ich

 gemerkt, da geht schnell eine Utopie auf. Weil man sich dann vorstellt und spürt, was das bedeutet, wenn eine Hauptschule neben einem Gymnasium sitzt und zusammen Theater guckt und alle im Nachgespräch feststellen, sie haben genau die gleichen Fragen, die gleichen Sachen gesehen und sind plötzlich ganz gleich. Sie fühlen sich überhaupt nicht anders hingestellt oder irgendwas. Und da geht mir das Herz auf. Also wenn wir das wirklich schaffen, die Schüler*innen mit einem Theaterstück an die Hand zu nehmen und ihnen etwas mitzugeben. Und wenn es nur ein Gedanke ist, den sie mit nach Hause nehmen. Oder feststellen: hey, ich kann genau die gleiche Frage stellen wie der Gymnasiast, es hat überhaupt niemanden interessiert, ob ich in die Hauptschule gehe oder nicht, sondern ich habe interessiert. Und da ist das Kinder- und Jugendtheater ein bisschen interessanter oder offener, das würden wir uns natürlich für den Abendspielplan auch mehr wünschen. Man wird mit dem Publikum an diesem einen Abend so eine Gemeinschaft, die da zusammen eine Inszenierung sieht. Das was dadurch an Gemeinsamkeit entsteht, auch wenn wir das vielleicht gar nicht sind… da kann das Theater wahnsinnig viel verbinden und Gemeinschaftsgefühl mitgeben. Ich hoffe, dass die Zuschauer*innen über das Gesehene miteinander ins Gespräch kommen. Das finde ich wahnsinnig bereichernd und da geht mir total das Herz auf.

Das Interview führte ETA REPORTERIN Alexandra Tatjana Köhler im Rahmen des partizipativen Projektes ETA CAMPUS im Juni 2021.

Wir danken Alexandra Tatjana Köhler für diesen Artikel.

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