Soalee an ihre Mutter

Hallo Mama,

das ist eine sehr traurige Nachricht. Vielen Dank, dass du mich benachrichtigst.

Wie geht es dir und Kibrey?

Es sind schon einige Wochen vergangen, seit deiner Nachricht, aber ich konnte nicht gleich antworten. Ich musste meine Trauer und den Tod von Großmama erst verarbeiten. Mit ihr ist auch ein Teil von mir gestorben. Ich fühle mich ohne sie so einsam, obwohl wir uns schon lange nicht mehr gesehen und geschrieben hatten. Aber, sie war immer bei mir. In meinen Gedanken und meinem Herzen. Es tut mir so leid, dass ich sie nicht mehr besucht habe.

Aber irgendwann kommt wohl die Zeit, dass man sich mit dem Tod und dem Verlust abfinden muss. Ich habe euch, dir und Kibrey, mit meinem Fortgehen viel Leid zugefügt. Aber damals blieb mir nichts anderes übrig, als ohne Abschied, zu gehen. Ich habe mich später oft gefragt, ob mein Schritt der Richtige gewesen ist.

Es klingt hart, aber Ja. Es war der einzige Weg, der mir blieb und ich habe ihn nie bereut. Ich hatte so große Angst. Angst vor der Flucht, Angst vor der Zukunft, Angst vor der Einsamkeit, aber noch mehr Angst hatte ich vor einem Leben im Dorf mit einem Mann, den ich nicht liebte. Deshalb musste ich gehen. Ich konnte diesen alten Mann nicht heiraten. Er hätte mein Vater sein können. Ich habe oft versucht mit dir zu sprechen, dich gebeten mich nicht wegzugeben, aber du hast mir nicht zugehört, hast mich nicht verstanden. Wolltest mich nicht verstehen. Ich hatte das Gefühl zu vergehen.

Doch da war Großmama. Sie war für mich da, hat mir zugehört und mir Mut gemacht. Sie war die Zuflucht in meiner Verzweiflung.  Großmama hat immer an mich geglaubt. Sie sagte, ich sei etwas ganz Besonderes. Sie hat das Flackern in meinen Augen gesehen, den Ehrgeiz etwas zu Lernen, trotz meiner Schwerhörigkeit, oder gerade wegen ihr. Leider konntest du mich nie so annehmen, wie sie es tat. Meine Andersartigkeit akzeptieren.

Ich habe es mir nicht leicht gemacht. Wollte euch nicht verletzen. Glaube mir. Ich war erst 14 Jahre alt, als ich weg ging. In die große Stadt, wo ich doch nur unser Dorf kannte. Großmama hat mir ihr Erspartes gegeben und ich habe mich durchgeschlagen. 5 lange Jahre.

Als ich 19 war sprach mich eines Tages ein deutscher Fotograph an, um mit mir eine Fotokampagne in traditionell somalischen Kleidern zu knipsen. Er war sehr freundlich und hilfsbereit. Ich lernte die deutsche Gebärdensprache und langsam auf Deutsch zu sprechen. Denn er hat mir eine Operation in Deutschland ermöglicht, in dem ich ein Implantat eingesetzt bekam, mit dem ich wieder richtig hören konnte. Stell dir vor. Ich kann hören und sprechen. Damals hätte ich mir das nie erträumt. Es war immer mein größter Wunsch zu sein wie die anderen.

Ich habe 15 Jahre für verschiedene Modezeitschriften Fotoshootings gemacht. Ich habe viel Geld verdient und bin auch bekannt geworden. Ich habe meine Prominenz genutzt, um Mädchen in Afrika eine Perspektive zu geben. Denn sie brauchen sie mehr denn je. Ich weiß, wovon ich spreche. Du hattest auch nie die Möglichkeit eine Schule zu besuchen. Selbst mir blieb diese Gelegenheit verwehrt, weil die Schulgebühren für Leute wie uns viel zu hoch sind. Doch die Mädchen haben es verdient zur Schule zu gehen, auch wenn sie aus der Provinz kommen und wenig Geld haben. Sie brauchen Bildung, müssen unabhängig werden und gleichberechtigt sein. Stattdessen werden immer noch zu viele Frauen unterdrückt, vergewaltigt und bleiben ohne Perspektive zurück. Wir müssen für unsere Freiheit kämpfen und unsere Rechte einfordern. Überall auf der Welt.

Deshalb habe ich vor einigen Jahren, gemeinsam mit einem Team eine Organisation gegründet, mit der wir Mädchen vor der Beschneidung bewahren, sie aufklären und in die Schule schicken. Denn, ich möchte ihnen dieses Leid gerne ersparen. Ich weiß, es gehört zur Tradition, aber es ist Unrecht. Viele von ihnen sollen früh verheiratet werden und Kinder bekommen. Aber es ist oft nicht ihre Entscheidung, diesen Weg zu gehen. Doch gehen sie ihn, weil ihnen Alternativen fehlen.

Bei uns, d.h. in unseren Einrichtungen, lernen sie deshalb ihr Leben selbst zu organisieren, sich weiterzubilden und zu selbstbewussten Frauen zu werden. Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, diese Mädchen zu fördern und sie zu unterstützen. Sie sind so stark und wertvoll. 

In drei Monaten werde ich wieder nach Afrika reisen. Ich komme auch nach Somalia, wo wir eine neue Schule einweihen werden.

Vielleicht können wir uns treffen und reden. Ich werde mich melden, wenn du möchtest.

Soalee

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