Mutter an Soalee

Meine liebe Soalee,

hier ist Deine Mutter.

Ich habe dir eine sehr traurige Nachricht zu übermitteln.

Großmutter ist kurz bevor dein Brief eingetroffen ist, von uns gegangen. Sie war sehr schwach und hätte sich so über deinen Brief gefreut.  Es verging kein Tag, an dem sie nicht von dir, von ihrer kleinen Soalee gesprochen hat. Sie hat dich sehr, so sehr geliebt. Ihr ward seelenverwandt.

Ich habe sie die letzten Monate begleitet, sie jeden Tag besucht und ihr bei der Hausarbeit geholfen. Zum Schluss konnte sie nichts mehr machen, sie hatte große Schmerzen. Ich habe sie, nach dem sie nicht mehr richtig gehen konnte zu uns in die Hüte geholt und sie bis zum Schluss gepflegt.

Wir haben uns oft am Feuer Geschichten von früher erzählt. Von dir und Kibrey. Sein lautes und dein stilles Lachen. Wir haben immer nur von früher erzählt. Nie von der Gegenwart.

Du hast Großmutter mir immer vorgezogen. Du hast ihr alles und mir nichts anvertraut. Ich weiß, dass ich mit deiner ungestümen Art und ohne Worte nicht zurechtkam. Aber du hast mir auch nie eine Chance gegeben dich zu verstehen. Ich war dafür nicht stark genug. Ich musste mich um unseren Lebensunterhalt kümmern.

Ich wollte immer, dass es euch gut geht, dass ihr es mal leichter haben werdet  als ich. Du weißt, dass ich immer für uns drei sorgen musste, seit dein Vater auf und davon ist. Wir mussten viel auf dem Feld arbeiten, um über die Runden zu kommen. Du hast die Feldarbeit gehasst, du hast es gehasst die Hühner zu rupfen, das Vieh zu schlachten. Du wolltest sie immer nur beschützen. Aber wir mussten sie auf den Markt bringen, um sie zu verkaufen. Was sollte ich machen?

Doch du wolltest nur lernen, lernen, lernen. Aber wie hätte ich dich zur Schule schicken sollen? Ich hatte nur das Geld für ein Kind. Außerdem hättest du eine andere Schule besuchen müssen. In Mogadischu. Mit welchem Geld, Solaee? Alleine. Ohne Mann. Ich war so verzweifelt und hatte nicht die Kraft dich so anzunehmen wie du warst, das weiß ich jetzt.

Dann kam Maslah. Ein guter aufrechter Mann, der dich zur Frau nehmen wollte. Er war ein Geschenk des Himmels. Er hat seine Frau einige Monate gepflegt bevor sie zwei Jahre zuvor gestorben war. Wir kannten uns, er kannte dich. Es war ihm egal, ob du sprichst oder nicht, ob du taub bist oder hörst. Er war häufig bei uns und hat sich mit dir, in deiner Sprache, unterhalten. Ich dachte, du mochtest ihn auch. Und als er eines Tages um dich angehalten hat, habe ich zugestimmt. Was sollte ich denn machen? Nein sagen!! Ihm deine Hand verwehren?? Wie hätte ich Nein sagen können. Er war ein guter Mann mit viel Land und Vieh und er wollte dich als Frau. Verstehst du nicht! Ich hatte keine andere Wahl. Ich konnte uns nicht mehr alleine durchbringen. Ich hatte keine Kraft mehr. Eines Tages dachte ich, dass du zu ihm gehst, stattdessen bist du zu Großmutter gelaufen. Wir haben dich gesucht, jeden gefragt, aber du warst wie vom Erdboden verschwunden.

Auf dem Sterbebett  hat mir Großmutter gestanden, was sie 15 Jahre lang verschwiegen hat. Sie hat mir das Kästchen mit deinen Briefen gegeben und mich um Verzeihung gebeten. Du warst immer etwas Besonderes für sie. Sie wollte nicht, dass dich das gleiche Schicksal ereilt wie den meisten Frauen hier im Dorf. Sie wollte, dass du etwas aus deinem Leben machst. Lernst. Die Welt kennen lernst.

Bis dahin wusste ich nicht ob du lebst oder nicht. Nach so vielen Jahren habe ich die Hoffnung aufgegeben jemals wieder etwas von dir zu hören, geschweige denn dich jemals Wiederzusehen. Als ich dann deine Briefe gelesen habe war ich froh zu hören, dass es dir gut geht. Obwohl ich so glücklich war zu lesen, dass du lebst, hat es mir das Herz zerrissen und ich habe viel geweint. Ich wusste nichts von dir. Nichts von dir und deinem Leben. Es war, wie die Geschichte einer Fremden. Im Grunde genommen ist es auch so. Du bist mir fremd geworden und das tut weh. Ich lebe noch immer in der Vergangenheit, als du hier bei uns warst.

Seit Großmutter von uns gegangen ist, habe ich oft angefangen dir zu schreiben, um dich über ihren Tod zu informieren. Aber meine Wut und meine Enttäuschung  auf Großmutter, die mich jahrelang im Ungewissen ließ und auf dich, weil du dich nie gemeldet hast hielten mein Herz gefangen und ich wusste nicht wie ich den Brief beginnen sollte. Andererseits war ich sehr traurig und enttäuscht und fühlte mich hintergangen. Aber jetzt ist es an der Zeit die alten Wunden zu begraben.

Wie ich aus deinem Brief  entnommen habe, bist du bald wieder in Mogadischu. Vielleicht hast du ja die Möglichkeit uns im Dorf besuchen zu kommen. Kibrey wohnt mit seiner Familie auch noch hier. Er ist Lehrer in der Dorfschule. Er wird sich sicherlich über deinen Besuch freuen.

Melde dich, bitte

Deine Mutter

Silvia Frauen aus aller Welt, Kooperation mit Freund statt fremd e.V.

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