Kitty an Anne

Liebe Anne!

Deinen letzten Brief habe ich schier verschlungen und ich muss dir jetzt sofort antworten. Unglaublich, dass eure einzige Möglichkeit herauszufinden, was in der Welt vor sich geht, ein kleines Radio ist! Ich dagegen sitze hier und es läuft eine Jazzplatte sowie ein neuer Fernseher, der, das musst du dir einmal vorstellen, farbige Bilder hat!! Es ist wie Kino zuhause! 

Bitte gratulier‘ Frau von Daan von mir! Wie schrecklich traurig, dass ihr nur so wenig zu essen habt. Ich würde verhungern, wenn ich so wenig zu essen bekäme wie ihr!

Wenn man in einer solchen Situation dann noch voneinander stehlt und sich betrügt (so wie die van Daans euch), ist das wirklich gemein. Und dann auch noch dieser Dussel, von dem du immer so viel Unschönes erzählst… da kann ich dich wirklich verstehen, Anne! Es ist wirklich ein Witz, dass er behauptet, sich wie ein Ausgestoßener zu fühlen, während er zu allen unfreundlich ist. Deine Mutter hat ihm völlig zurecht die Meinung gegeigt.

Arme Bep! Vielleicht kannst du ihr ausrichten, was mir immer hilft, wenn ich mit den Nerven am Ende bin: Ich mache mir ein heißes Bad, zünde ein paar Kerzen an und esse Schokolade. Das entspannt sie sicher!

Es ist wirklich schwer, bei diesen ganzen Erfahrungen, die wir machen müssen, nicht die Hoffnung zu verlieren. Selbst ich musste auch hier in den USA Erfahrungen mit Judenfeindlichkeit machen. Seit kurzem haben Richard, Bill und Suzy begonnen, mir morgens immer aufzulauern, um mir mein Milchgeld zu klauen. Sie sagen, als Jude hätte ich ja genug. Dabei wohnen sie in meiner Nachbarschaft in noch größeren Häusern und haben es genauso auf die armen jüdischen Mitschüler abgesehen wie auf mich. Zum Beispiel meine Freundin Katy, die sie ebenso schikanieren und von der sie behaupten, sie würde ihr Geld nur verstecken und absichtlich in den zu groß geratenen Kleidern ihrer Schwester in die Schule kommen. 

Ich dachte immer, in Amerika wäre alles besser, das Leben freier und die Menschen offener. Aber das ist ganz offenbar nicht so. 

Natürlich, Anne, ist das nichts, wirklich nichts gegen das, was ihr in Europa erleiden müsst. Aber es macht mich traurig, dass wir, egal wo wir sind, nie als Teil der Gesellschaft akzeptiert werden.  

Ich bewundere ich dich sehr dafür, wir du das alles durchstehst. Ich wäre gern so stark wie du. 

Auf jeden Fall werde ich weiterhin für euch und einen baldigen Frieden beten. 

Haltet durch! Ich hoffe, dass bald alles wieder besser wird. 

Mach’s gut,  Deine Kitty

Milena, Kai, Shylee Spielclub Jugend

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