MÄNNLICHER MACHT-MISSBRAUCH

von ETA Reporterin Pauline Heide

Theaterregisseur Matthias Köhler über seine Arbeit und die Aktualität von „Der Stock“.

„Bisschen autodidaktisch und mit viel Hybris (lacht)“, so beschreibt Matthias Köhler seinen Weg zum Theaterregisseur ohne direktes Regiestudium. Momentan probt er am ETA Hoffmann Theater die deutschsprachige Erstaufführung von Mark Ravenhills „Der Stock“.

Matthias Köhler studierte zunächst Theaterwissenschaft in Wien- „ein wissenschaftliches Studium mit viel Theorie und analytischer Arbeit“, erzählt er. Schließlich merkte er, dass er lieber selbst aktiv gestalten möchte, anstatt sich damit zu beschäftigen, was andere inszeniert haben. So kam es, dass Köhler nach dem Studium über den „altmodischen Weg“, das heißt durch Hospitanzen und Assistenzen zum Theaterregisseur aufstieg.

An ein neues Stück gehe er meist recht frei heran, wobei es natürlich „ein großes Konzept gibt. Dadurch, dass das Bühnen- und Kostümbild sowie technische Angaben schon weit vor den Proben festgelegt werden müssen, findet zwischen mir und meinem künstlerischen Partner Ran Chai Bar-zvi schon vorher eine große Auseinandersetzung statt. Die Regie entwickle ich erst, wenn ich die Schauspieler*innen kenne und mit ihnen im Austausch stehe“, erklärt Matthias Köhler.

In dem Stück „Der Stock“, an dem er aktuell arbeitet, geht es um den Lehrer Edward, der seine Schüler früher mit Stockschlägen gezüchtigt hat. Es offenbart sich ein Generationenkonflikt mit Edward und seiner Frau Maureen, die diese Züchtigungen verteidigen, auf der einen Seite, wobei Maureen im zweiten Teil ihren Mann nicht mehr in Schutz nimmt. Deren Tochter Anna und Schüler*innen, die vor dem Haus des Lehrers gegen dessen Ansichten demonstrieren, stehen auf der anderen Seite. „Die Tochter ist aber auch nicht wirklich besser, weil sie an Akademie-Schulen glaubt, an denen ein ziemlich harter Drill und große Disziplin vorherrschen muss, die schon fast militärisch ist, was wieder eine Form von Gewalt ist. Also institutionalisierte Gewalt versus individuelle Gewalt“, betont der Regisseur.

An dem Stück gefällt Matthias Köhler besonders, dass es den Geist der Zeit trifft. Denn man kann viele Parallelen zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen ziehen. „Durch die Ansammlung von Kindern und Jugendlichen vor dem Haus des Lehrers, dem sich später auch Erwachsene anschließen, werden Assoziationen zu zivilgesellschaftliche Bewegungen erweckt. Von „Fridays For Future“, ebenfalls eine Schüler*innen-Bewegung, bis hin zu „Black Lives Matter“, die man dann auch zuhause in der Familie diskutiert. Und das kennt wahrscheinlich jeder, ob das jetzt Klimawandel, AfD oder Corona ist, man ist oftmals überrascht, wie weit auseinander die persönlichen Ansichten sind“, sagt Köhler. Somit stellt der Konflikt des Stückes, eine für das Publikum aus dem Alltag bekannte Situation dar, wodurch man als Zuschauer*in einen leichten Zugang findet. Wenn man Feminismus, weil es die früheste Bewegung war, die alles ins Rollen gebracht habe, als Dachgesellschaft der ganzen Minderheiten und Geschlechterrechte begreife, sei in dem Stück sehr viel zu finden, fasst der Regisseur zusammen.

In den Arbeiten von Matthias Köhler geht es oft um queer*politische Themen, wie beispielsweise Homophobie, Misogynie, strukturelle Gewalt oder falsch verstandene Männlichkeitsideale. Vor allem die letzten beiden Aspekte lassen sich auch in „Der Stock“ wiederfinden. Köhler konkretisiert: „Dieser Machtmissbrauch ist ein sehr männlicher. Es ist auch ein sehr antiquiertes Rollenbild der Mutter, wo ich mich wirklich bemühen musste, das so anzunehmen. Das kann man gar nicht revolutionär auf die Bühne stellen, weil sie ihm im Grunde all diesen Unsinn ermöglicht hat und auch seine Taten verschwiegen und unter den Teppich gekehrt hat. Sie ist so eine richtige Komplizin, aber in der Struktur von einer klassischen unterdrückten Hausfrau“.

Das Theater fungiert somit als Bühne für politische Themen, hier können gesellschaftliche Fragen dargestellt und diskutiert werden. Dem Publikum werden so neue Impulse oder Denkanstöße mit auf den Weg gegeben. Die Frage, inwiefern das Theater veraltete Ansichten bei den Zuschauer*innen verändern oder erneuern kann, beantwortet Matthias Köhler im Folgenden: „Ich glaube, wie Literatur oder Journalismus auch. Man hat die Möglichkeit sein Brennglas auf eine sehr spezielle, auch fiktive Situation draufzuhalten, um so Konflikte und Beträge unserer Zeit zu untersuchen oder eben Parallelen zu wecken, sodass man assoziativ damit umgeht. Es sollte immer die Aufgabe vom Theater sein, zu versuchen durch z.B. Abstraktion oder Einfühlungsvermögen zum Nachdenken zu bewegen. Am besten nicht alles für bare Münze nehmen, sondern auch das Gezeigte hinterfragen, also auf jeden Fall eine Auseinandersetzung starten.“

Momentan haben die Theater deutschlandweit aufgrund der Coronakrise geschlossen. Die Aufführung von „Der Stock“ wird deshalb bis zu Wiederaufnahme des Spielbetriebs verschoben. Es gibt viele Diskussionen über die Gerechtigkeit dieser Maßnahmen, da die Theater gute Hygienekonzepte erstellt haben und dennoch zu sind, währenddessen es in Kaufhäusern voll ist. Das kritisiert auch Matthias Köhler, aber dennoch betont er, dass es natürlich ohne Theater gehe, nur langfristig eben nicht. „Ich finde in diesen Zeiten muss man die Solidarität ganz nach oben schrauben und daran alles messen.“

Der Artikel wurde im November 2020 im Rahmen des partizipativen Projektes ETA CAMPUS durch ETA REPORTERIN Pauline Heide erstellt.

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