Soalee an ihre Großmutter

Liebe Großmama Amina,

wie geht es Dir? Ich vermisse dich so sehr, Dich und die gemütlich warme Hütte, in der wir so viele Stunden zusammengesessen und erzählt haben.

Gibt es die frechen Ziegen noch? Die kleine Scheckige ist bestimmt schon eine ausgewachsene Milchziege. Wie gerne würde ich die frischgemolkene Milch probieren. Weißt du noch, als ich heimlich in den Stall gelaufen bin und die noch warme Milch genascht habe und du mich mit einem Lächeln ermahnt hast? Das ist schon so lange her und doch erinnere ich mich daran, als wäre es gestern gewesen. Wie geht es Mama? Kommt sie vorbei, um dir zu helfen?

Du weißt, ich habe ihr viele Vorwürfe gemacht, weil sie mich in die Hände eines Mannes geben wollte, den ich nicht mochte. Mittlerweile habe ich verstanden und weiß, dass sie aus Sorge um meine Zukunft so gehandelt hat. Dennoch. Ich war so verletzt und ängstlich. Sie hat mir nie erklärt, warum. Sie hat mich nie verstanden in meiner Taubheit. Nur Du, liebe Großmama, hast meine stillen Worte gehört und meine Verzweiflung in meinem Gesicht gesehen. Ohne dich hätte ich nie einen Ausweg gefunden. Ohne deine Stärke, deine Liebe und dein Vertrauen in mich wäre aus mir nie eine selbstbewusste, starke Frau geworden. Ohne dich wäre ich nie das geworden, was ich jetzt bin. Eine Frau, die fähig ist anderen Menschen zu helfen und sie aus ihrer Trübsal herauszuführen. Ich bin dir unendlich dankbar für alles, liebe Großmama. Durch dich habe ich gelernt Menschen, die sich nicht für mich und mein Leben interessieren nicht so nah an mich heranzulassen. Ihre andere Meinung über das Leben zu akzeptieren, obwohl ich es nicht verstehe. Manche Menschen sehen uns als nicht ebenbürtig, nicht gleichwertig an. Das ist sehr  traurig, aber auch bemitleidenswert. Doch solche Menschen findet man überall auf der Welt.

Trotz der fremden Kultur hier in Deutschland bin ich angekommen. Mein Schicksal hat mich nach Hamburg geführt und ich habe Ben, meinen Mann kennengelernt. Er liebt mich so wie ich bin, manchmal taub, manchmal stumm. 

Hier in Deutschland kann ich meinen Traum verwirklichen, indem ich vielen Menschen in meiner Heimat helfe. Ich gebe Mädchen, die wie ich in Afrika verheiratet werden sollen wieder eine Perspektive. Die Projekte in denen ich tätig bin, unterstützen sie, sich eine eigene Zukunft aufzubauen. Das erfüllt mich mit großer Freude.

Viele Menschen hier interessieren sich und helfen mir in meiner Arbeit. Wie ich dir schon erzählt habe, habe ich auch eine eigene Organisation gegründet „Help forgotten girls“. Durch die Organisation haben sich viele Frauen emanzipiert, sind unabhängiger von ihrem Mann geworden und schicken ihre Kinder zur Schule. Wir haben auch schon einige Schulen in abgelegenen Dörfern durch Spendengelder und Ehrenamtliche eröffnen können.  

Ben unterstützt mich in dem was ich tue und dafür liebe ihn sehr. Ich habe bald wieder einen Termin in Mogadischu. Dann komme ich dich besuchen. Ich freue mich schon sehr und sehne mich nach deiner Umarmung, liebe Großmama.

Ich  werde mich auch mit Mama treffen, so wie es dein Wunsch war. Wir werden uns aussprechen und uns hoffentlich vergeben. Ich würde es mir wünschen. 

In Liebe immer Deine kleine Soalee

Entstanden im Projekt FRAUEN AUS ALLER WELT, Kooperation mit dem Café Lui20 Bamberg

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