Menusha an ihren Großvater Babush

Lieber Babush,

ich weiß nicht ob dich dieser Brief je erreichen wird. Dennoch schreibe ich ihn. Ich bin angekommen. Angekommen in einem Land von dem ich seit meiner Kindheit so viel gehört habe. Das Land in dem alle frei sind. Dem Land in dem sich um jeden gekümmert wird. Wie viele Geschichten haben wir von diesem Land gehört und auch selbst erzählt? Wir haben geträumt, gemeinsam an diesem besseren Ort zu sein und unser Leben zu genießen. Es war ein weiter Weg. Ein schwieriger harter Weg. Ich bin angekommen. Doch es ist anders. Wir wurden nicht mit offenen Armen empfangen, sondern mit Skepsis. Mit großer Angst und Misstrauen. Ich habe mir unsere Freiheit in allen möglichen Farben ausgemalt. Aber grau und trostlos war sie nie.

Nicht alle Menschen denen ich begegne sind so, aber die meisten. Sie verstehen mich nicht und wollen mich nicht verstehen. Und was mich wütend macht ist, dass sie mich nicht ernst nehmen. Ich erzähle von meiner Heimat. Dem Schicksal von tausenden Frauen. Auch auf der Flucht. Und es ist ihnen doch egal. Zwar beteuern sie wie schlimm sie das finden, aber ihre Hände seien doch gebunden. Was können sie schon ausrichten in dieser Welt?
Ist das wahr Babush? Kann ein einzelner Mensch nichts ausrichten? Können wir, kann ich die Welt nicht verändern? Ich erinnere mich an die Geschichten die du mir erzählt hast. Die du mir und meinen Brüdern erzählt hast. Es braucht doch nur einen Helden. Eine mutige Frau oder einen selbstlosen Mann und die Geschichte ging gut aus.

Ich kann das nicht glauben. Ich möchte das nicht glauben! In einem so aufgeklärten Land sollte doch mehr möglich sein. Doch ich habe Angst Babush. Liegt es an mir die Welt zu verändern? Sie zu retten? Wie soll ich das anstellen? Ich bin wütend! Darüber, dass ich nicht weiß was ich tun soll. Darüber, dass ich nicht ernst genommen werde. Viele so viele Frauen hier sehen ihre Freiheit als selbstverständlich. Das ist so schön für die Kinder die hier aufwachsen. Ich möchte, dass auch meine Kinder mit diesem Selbstverständnis aufwachsen. Das ist einer der wichtigsten Gründe weshalb ich dich und die Heimat verlassen habe. Aber wieso verschließen sie die Augen davor, dass nicht alle dieses Privileg haben? Warum kämpfen sie nicht bis auf der ganzen Welt dieser vermeintliche Standard erreicht ist? Auch wenn es schmerzt, ich möchte nicht vergessen wie klein ich mich immer gefühlt habe, wenn ich nicht dieselben Rechte, Privilegien wie meine Brüder leben durfte. Ich möchte nicht vergessen, welchen Druck ich von Mutter gespürt habe, wenn ich mich geweigert habe mein Haar zu bedecken. Hier, hier könnte ich das vergessen. Doch dann würde ich allen den Rücken kehren, die noch nicht diese Freiheit spüren können. Darum darf ich dieses Gefühl nicht vergessen, auch wenn ich es hasse.

Babush, ich vermisse dich. Ich vermisse die abendlichen Unterhaltungen und die Geschichten die du mittlerweile meinen Kindern erzählt hast und denen ich immer noch so gerne gelauscht habe. Ich vermisse deinen Rat den du mir in jeder aussichtslosen Situation gegeben hast. Ich wünschte du wärest bei mir und könntest mir Mut zusprechen. Ohne dich wäre ich nicht die Frau, die ich jetzt bin.

Warte auf mich Babush.

Deine Menusha

Entstanden im Projekt FRAUEN AUS ALLER WELT, Kooperation mit dem Café Lui20 Bamberg