Dein Freund und Helfer?

von ETA Reporterin Marie Castner

Am ETA-Hoffmann-Theater Bamberg nähert sich das Studiostück „Die Polizey“ der staatlichen Institution kritisch und stellt ihre Prinzipien neu in Frage – zu einer Zeit, in der die Polizei so präsent und umstritten ist, wie lange nicht.

Sechzehn Polizisten stehen in Reih‘ und Glied. Sie starren schweigend und unbewegt in eine Richtung; im Hintergrund schmettert die Ode an die Freude. Diese homogene Menschenmenge in Uniform strahlt Vollkommenheit aus – Stärke, Mut, aber auch Einschüchterung. Menschen, die zu großen Taten fähig sind.
So beginnt das Stück „Die Polizey“ von Björn SC Deigner, das am ETA-Hoffmann-Theater Bamberg unter der Regie von Daniel Kunze ab Oktober 2020 aufgeführt wird. Der Inszenierung liegt ein Dramenfragment Schillers desselben Namens zugrunde, das einen nicht unwesentlichen Teil der vorgetragenen Dialoge ausmacht: Mit Paris als Schauplatz zur Zeit der französischen Revolution wird die Polizei als kaiserliches Werkzeug beleuchtet und die Legitimation ihres oft unverhältnismäßig gewalttätigen Verhaltens infrage gestellt. Aktueller könnte der Ansatzpunkt also kaum sein.


Zunächst einmal wird die anfangs suggerierte Vollkommenheit der Polizisten abrupt gebrochen: In den Reihen der Beamten beginnt einer zu kichern, dann zu lachen. Er scheint die Situation, in der er sich befindet, unglaublich komisch zu finden. Die Musik verklingt, die Beleuchtung wird heller und plötzlich erkennt der/die Zuschauer*in unter den sechzehn Figuren nur vier Schauspieler*innen – den Rest stellen Puppen, die sich optisch allerdings kaum von ihren menschlichen Kolleg*innen unterscheiden. Bereits hier wird klar, was zentrale Punkte des Stückes ausmachen wird: Die Entlarvung der Polizei, die als konsequentes staatliches Organ auftritt, als eine Organisation mit inneren Widersprüchen und Fehlern sowie die Deindividuation Einzelner als Teil einer einheitlich fungierenden Gruppe. Das „Schwarmverhalten“ eines Beamten, der nur aufgrund seiner Taten, nicht aber seiner Person wegen hervorsticht, wird durch die schauspielerisch immer neue Rollenverteilung der verschiedenen polizeilichen Identitäten, das teilweise chorische Sprechen und die Einbeziehung der Puppen unterstrichen, was sich je nach Szene durch das gesamte Stück hindurchzieht. Jede Szene fungiert autonom. Sofort stürzt sich die Handlung in die Thematik, indem ein Polizist einen rassistischen Witz nach dem anderen macht. „Mein Humor ist so schwarz, er würde in Amerika von der Polizei erschossen werden.“

Was anfangs noch harmlos wirken mag, spitzt sich später in konkreten Fallbeispielen zu menschenverachtenden Verhaltensweisen zu. So steht etwa gegen Ende des Stücks ein Beamter im Scheinwerferlicht, der zum Polizeieinsatz gegen einen rechtsextremen Anschlag mit Brandschatzung auf ein Asylantenheim in Rostock aussagen muss. Nach einigem hin und her wird klar, dass die Polizei an diesem Tag weder rechtzeitig den Weg für die Feuerwehr durch die Menschenmasse zum Gebäude bahnen konnte, noch adäquate Verhaftungen durchführte: Von 27 Festnahmen gingen nur zwei gegen die offene rechtsextreme Gewalt vor, die restlichen 25 dienten der Eindämmung einer unangemeldeten Demonstration – einer Solidaritätsbekundung für die Opfer des Anschlags. Parallel zu solchen aktuellen Beispielen zeigt eine Szene eine Gruppe Polizisten zur NS-Zeit das Lied „Hakenkreuz am Stahlhelm“ singen, was nach Beschwerde eines Beamten nur verharmlost und wohlwollend ignoriert wird. Unabhängig von Jahrhundert und Schauplatz setzt sich also der Rechtsdruck in der Polizei durch, was durch den Verzicht auf eine klare zeitliche Einordnung der gesamten Inszenierung zum Ausdruck gebracht wird. Darüber hinaus wird sehr drastisch infrage gestellt, inwieweit die Anwendung von körperlicher Gewalt durch die Polizei gerechtfertigt sein kann. Dafür verfügt die Darstellung über eine stark in den Vordergrund tretende Körperlichkeit, die sich in ausdrucksstarker Gestik äußert. Besonders deutlich wird das, als die Beamten die körperlichen Maßnahmen demonstrieren, die nötig sind, um eine Person festzunehmen und sich dabei in die Rolle der Verhafteten begeben. Aus diesen abrupten, gewaltsamen Bewegungen entsteht mit der Zeit eine Art Choreografie, die durch Lichteffekte und anschwellende Ausrufen untermalt wird – endend mit: „…die Polizei ist dein Freud und Helfer!“ Größer könnte die Ironie kaum sein.

Später wird von einer gewaltsamen Niederstreckung eines Manns durch vier andere berichtet, um den Zuschauer daraufhin damit zu schocken, dass es sich bei den Gewalttätern um Polizisten gehandelt habe. Damit sei es schließlich gerechtfertigt, richtig? Die Täterrolle verschiebt sich so massiv, dass die Taten der Polizei selbst als Straftaten dastehen. Das offensichtliche Übermaß an Gewalt lässt weiter die Frage aufkommen, ob diese Form des Staatsdienstes nicht jedes gesunde Maß an Staatstreue übersteigt und den Polizisten zur reinen Maschine macht, die stringenten Prinzipien zu folgen hat. Die Psyche des Einzelnen tritt dabei völlig in den Hintergrund und wird erst auffällig, sobald sie von der funktionalen Position innerhalb der homogenen uniformierten Masse abrückt und entweder durch rechtsextreme Positionen auffällt – die allerdings, wie in der oben beschriebenen Szene dargestellt, oft sogar durch die anderen Beamten gestützt wird – oder durch eine psychische Überbelastung, ausgelöst durch die andauernde Konfrontation mit Gewalt und Tod.

Beispielhaft hierfür steht eine Szene, in welcher ein Polizist seinen Posten verlässt und zusammenzubrechen scheint. Der Major tritt an ihn heran und im Verlauf des Gesprächs wird klar, dass es sich bei der Aufgabe des Polizisten um die bedingungslose Erschießung von Juden handelt. Der Vorgesetzte geht nicht auf die Appelle des Beamten an den gesunden Menschenverstand ein, sondern gibt sich kühl. Allerdings entlässt er diesen ohne große Diskussion von dessen Posten und es wird klar, dass es nicht Verblendung, sondern eine große Müdigkeit des Majors im Kampf gegen das persönliche Empfinden ist, das ihn abgestumpft wirken lässt. Er hat sich wider seinem Willen dem Staat gebeugt und ist sich gänzlich bewusst, schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen. Er ist die reine Funktion im staatlichen Organ.

„Und trotzdem muss ich mich immer fragen: Warum machen wir das – jetzt und heute?“, sagt der Regisseur Daniel Kunze. „Warum denke ich, dass die Zuschauer das sehen sollten? Da ist ein Idealismus da. Ich muss eindeutige Antworten für mich haben und Motivation – auch, wenn ich noch nicht genau weiß, wo es hingeht – wofür wir das machen.“ Diese Grundhaltung zeichnet sich im starken Ausdruck der Inszenierung ab. Für das Publikum mündet alle Auseinandersetzung mit der Thematik letztendlich unweigerlich in der Frage, auf die das Gezeigte hinausläuft: Ob und in welchem Maß darf Gewalt ausgeübt und Schlechtes getan werden, um größeres Übel abzuwenden und inwieweit sollte eine höhere Instanz das Recht haben, dies zu befehligen und dafür ein Individuum seinen Willen uneingeschränkt ausführen lassen? Das Stück nähert sich diesem Ansatz kritisch und mokiert sich über den offensichtlichen Zynismus der Situationen heraus über das Rollenverhalten der einzelnen Polizisten.

Die Herangehensweise des Regisseurs, die schlussendlich diese Wirkung erzeugen kann, beginnt konkret mit einer freien Assoziation zum Text. „Oft mache ich mir beim ersten Lesen mit dem Bleistift ein paar Notizen und kritzle allererste Bilder und Gemütszustände dazu.“ Darauf folgt die Auseinandersetzung mit Sekundärliteratur. „Ich gehe meinen Wandschrank ab und versuche, mich links und rechts thematisch anzulesen. Das mache ich immer sehr gerne und sehr früh.“ Während Kunze dann Passagen der Fassung streicht, eröffnen sich erste Ideen für die Konzeption und die generelle Richtung des Stücks. In Zusammenarbeit mit der am Stück beteiligten Dramaturgie entsteht die Strichfassung – „und gleichzeitig dann Musik, Kostüm und Bühne. Das läuft eigentlich sehr parallel und befruchtet sich gegenseitig.“ Deutlich wird diese Zusammenarbeit in der zweiten Hauptprobe der „Polizey“: Die Inszenierung ist das Ergebnis vieler zusammenwirkender Instanzen, die jeweils anwesend sind, um ihren Beitrag in Synergie mit den anderen Wirkungsfeldern zu optimieren.

Daniel Kunze leitet alle Proben an und behält den Überblick über die zu probenden Szenen. Und sonst? „Sich mit den Spielern je nach Probenstand zusammensetzen und besprechen, worum es in der Szene geht. Und wenn es dann auf die Bühne geht, um zu proben, ist es für mich wichtig, mit Fantasie reinzugehen, in welche Richtung das gehen könnte und mit welchen Mitteln wir spielen.“ Am Ende steht das Ziel, eine gemeinsame Fantasie zu finden, die es letztendlich zu proben gilt. Menschenmenge, Körperlichkeit und zudem teilweise ein Chorstück – wie ist „Die Polizey“ überhaupt darzustellen in einer Zeit, die Abstand und Kontaktbeschränkung fordert? Die Schauspieler*innen auf Abstand zu halten ist unumgänglich. „Wir haben das dann einfach gemacht und haben herausgefunden, wir können das schon fruchtbar machen. Das hat aber eine andere Spannung.“ Aus der Not eine Tugend machen – oft dienen die menschengroßen Puppen als Abstandshalter, die trotz allem den Eindruck einer Menschenmasse erzeugen. Dazu kommt die generelle Distanz, die die Darsteller*innen während der Konversationen einhalten.

Dennoch fällt all das während der Vorstellung kaum auf – wenn doch, dann rein als stilistisches Mittel und nicht als Warntafel mit der Aufschrift „Pandemie“. Daniel Kunze sagt: „Wir haben es nicht darauf angelegt, dass man über jeder Szene „Corona“ lesen kann – gar nicht.“ So werden körperliche Berührungen eher choreografisch als szenisch dargestellt, beispielhaft erkennbar an der oben beschriebenen Choreografie, die sich aus der Bewegung einer Festnahme entwickelt und trotz des Abstands die Gewaltanwendung der Polizei deutlich macht. „Und das ist für Kunst im Allgemeinen ja oft eine Antriebsfeder, dass man mit etwas neuem umgehen muss.“ Neu ist auch die Situation im Publikum: Der Saal muss leerer bleiben als zuvor. Trotz anfänglicher Zweifel, ob Theater unter diesen Umständen überhaupt dieselbe Wirkung entfalten kann, findet man sich als Zuschauer*in – unabhängig von allen äußeren Faktoren – im Stück gefangen. Bereits die Eingangsszene fesselt und lässt vorübergehend allen Abstand vergessen; so lange, bis der Publikumsraum wieder erleuchtet wird und „Die Polizey“ hinter der Bühne verschwindet.