Jeder Tag ist anders

von ETA Reporterin Marie Castner

Die freie Szenographin Trixy Royeck zu ihrer Arbeit als Bühnen- und Kostümbildnerin am ETA Hoffmann Theater Bamberg

Ausgefallene Kostüme, monumentale Bühnenbilder und spektakuläre Farben – die Theaterbühne lebt von optischen Effekten, die die Handlung unterstreichen oder kontrastieren. Dahinter steht eine Person, die außerhalb des Rampenlichts der Vorstellung im Hintergrund bleibt: Der/Die Bühnen- und Kostümbildner/in.
„Ich entwerfe das Bühnenbild und die Kostüme für die Produktion und erstelle die Entwürfe im Zusammenhang mit einer Konzeption“, sagt Trixy Royeck über ihre Arbeit als Bühnen- und Kostümbildnerin. Als freie Szenographin arbeitet sie unter anderem am ETA Hoffmann Theater Bamberg und entwirft nun das Kostüm- und Bühnenbild für Anton Tschechows Der Kirschgarten, welcher Anfang Oktober dieses Jahres auf die Bühne gebracht werden soll.


Royecks Weg ans ETA Hoffmann Theater Bamberg ist eher ein zufälliger. Ihr Studium der Innenarchitektur und des Produktdesigns ebnete bereits den Weg zur Bühnenbildgestaltung, indem Raum und Form sowie das Verhältnis von Objekten im Raum wesentliche Bestandteile desselben darstellen, welche auch in der Szenographie von zentraler Bedeutung sind. Konkret gelangte sie über die Arbeit als Kostüm- und Bühnenbildner-Assistentin in Mainz auf dem Sofortweg ans Theater. „Ich habe zwar immer Theater geschaut, aber nie den Gedanken gehabt, hinter der Bühne zu arbeiten. Dann habe ich, wie es wohl den meisten Leuten geht, die am Theater sind, Blut geleckt.“ Seitdem arbeitet sie als freie Szenographin, ist aber gleichzeitig noch im Metier ihres Studiums tätig. Nach Bamberg führte sie eine langjährige Zusammenarbeit mit Sibylle Broll-Pape, der Intendantin des ETA Hoffmann Theaters. Als Szenographin ist Royeck nun zuständig für die Konzeption und den Entwurf von Kostümen und Bühnenbild sowie die Betreuung der künstlerischen Ausführung einzelner Stücke. Dafür ist ihre Anwesenheit bei Proben unentbehrlich, da der Szenographin eine Schlüsselrolle im künstlerischen Prozess der Inszenierung zukommt. So verlangt beispielsweise eine sich spontan anders entwickelnde Rolle eine Anpassung der Kostümierung. „Ich muss anwesend sein, um die Inszenierung zu unterstützen, dass man auch tatsächlich so das Bühnenbild und die Kostüme verwenden kann, dass es passt.“


Royeck beschreibt sich selbst als „Bildersammlerin“. Da sie besonders die bildende Kunst als Inspirationsquelle heranzieht, beschäftigt sie sich mit den Werken moderner Künstler und verfügt über einen selbst angelegten großen Bilderfundus: Sie sammelt Bilder in Print aus Illustrierten und speichert Bilder auf der Straße in ihrem Gedächtnis ab, aus welchen sie ihre Anregung ziehen kann.
Zum aktuellen Stück Der Kirschgarten arbeitet die Kostüm- und Bühnenbildnerin mit einem die der zeitlichen Einordnung des Stückes um die Jahrhundertwende entsprechenden Kostüme kontrastierenden, aufgerissenen Betonboden, der nach Royeck auch als „abgerissen“ gelesen werden kann. „Und darauf bewegt sich diese Gesellschaft, die noch in einer alten Zeit verortet ist und nicht wahrnimmt oder wahrnehmen will, dass sie sich auf einem Boden bewegt, der eigentlich nicht mehr der Ort ist, von dem sie reden“, beschreibt sie die Hintergründe der Gestaltung. So kommen Vorbilder der Mode der Jahrhundertwende bezüglich der Kostümierung und Inspiration aus der heutigen performativen Kunst bei der recht abstrakten Bühnengestaltung zusammen, die eine Reibung erzeugen, welche Royeck besonders reizt. Neben dieser Reibung, die dazu führt, dass die aufgegriffenen Elemente aus verschiedenen
Lebensbereichen und Zeiten stammen, um zu kontrastieren, zählt zur persönlichen Note ihrer Entwürfe auch die Einbindung von Versatzstücken. Zudem unterstreicht sie: „Ich arbeite gerne reduziert und abstrakt“. Der konkrete künstlerische Prozess, der einsetzt, sobald die Szenographin vor der Aufgabe steht, mit einem neuen Stück zu arbeiten, beginnt mit der Lektüre des Textes, woraufhin sie sich mit der Regie über die möglichen Interpretationen austauscht und die Reize des Materials festsetzt. Nach wiederholter Lektüre und anhand der neuen aus dem Gespräch resultierenden Erkenntnisse im Hinterkopf folgt freie Inspiration und Ideenfindung.

In Der Kirschgarten war der Anknüpfungspunkt für die weiteren Entwürfe die Kostümgestaltung, da die zeitliche Einordnung derselben bereits zu Beginn feststand, sodass die Art der Bühnengestaltung aus dieser hervorging. Dennoch ist Royecks Herangehensweise an klassische wie an moderne Stücke dieselbe: Unvoreingenommen wird die Historie, die den Entwurfsprozess nur blockieren würde, ausgeblendet, und der Text gelesen, als sei er gerade neu entstanden. „Dementsprechend ist für mich ein modernes Stück wie ein klassisches Stück erst einmal der reine Text, den ich mir vornehme.“
Gemäß dieser freien Vorgehensweise beschreibt die Bühnen- und Kostümbildnerin ihren Arbeitsalltag als „ganz unalltäglich – jeder Tag ist anders, da die Aufgaben durch die unterschiedlichen Produktionen, unterschiedlichen Zusammensetzungen an unterschiedlichen Häusern immer andere Herausforderungen haben.“ Genau das sei der Faktor, der den Beruf der Szenographin so spannend mache, macht sie deutlich. Dennoch gebe es selbstverständlich sich wiederholende Strukturen wie die Arbeit im Atelier oder am Theater. Auch wenn Royecks Arbeit am Theater mit sehr hohem Aufwand verbunden ist, kommt dieser Arbeit ihrerseits die meiste Leidenschaft zu. Nun führte die Pandemie dazu, dass aufgrund der unklaren Lage alle ihre Aufträge für unabsehbare Zeit auf Eis gelegt wurden. Die Absage aller Proben am Theater ließen Royeck bereits an einem übernächsten Stück arbeiten, um Arbeit vorzuziehen. Das sei allerdings sehr schwierig gewesen, erklärt sie, da es ihr an Freiheit in dieser unsicheren Situation gemangelt habe. „Ich habe mich sehr blockiert gefühlt durch diese Ungewissheit.“ Als schließlich die vorläufige Einstellung der Theaterproduktion deklariert wurde, ließ sie auch von diesen Entwürfen ab. Natürlich resultiert daraus eine Unsicherheit, die sie auch heute, vier Monate nach einstiger Verordnung der Zwangsquarantäne, nach wie vor verspüre. Dennoch betont Royeck, dass diese Unsicherheit ein fester Bestandteil der Tätigkeit als Freiberufler/in sei und es einer gewissen finanziellen Vorplanung bedarf. Neu allerdings sei die grundlegende Unsicherheit, inwieweit das Theater in seiner heutigen Form diese drastischen Veränderungen überleben könne. „Wenn gespart werden muss, was wir jetzt noch nicht wissen, dann wird an der Kunst zuerst gespart.“


Der Artikel wurde im Juli 2020 im Rahmen des partizipativen Projektes ETA CAMPUS durch ETA REPORTERIN Marie Castner erstellt.

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