Schöne Aussichten in Zeiten von Corona

von ETA Reporterin Pauline Heide

Nach der coronabedingten Spielpause öffnet sich für die Endprobe des Liederabends „Schöne Aussichten!“ in der Regie von Sibylle Broll-Pape und unter musikalischer Leitung von Bettina Ostermeier nun endlich wieder der Vorhang auf der großen Bühne des Theaters. Allerdings nur für ein ausgesprochen kleines Publikum, denn auch hier hat das Coronavirus seine Spuren hinterlassen.

Schon beim Einlass werden die üblichen, mittlerweile schon alltäglichen Corona-Maßnahmen deutlich: am Eingang eine Maske aufsetzen, die Hände desinfizieren, Schilder zur Laufrichtung beachten und 1,5 m Abstand zu anderen Personen einhalten. Sobald man sich an seinem zugewiesenen Platz niedergelassen hat, darf man die Maske aber absetzen und stellt fest, dass man keine direkten Sitznachbarn hat. Rechts und links neben jedem*r Zuschauer*in werden zwei Plätze freigehalten, sodass statt 400 nur noch 113 Leute in Parkett und Zuschauerränge passen.
Diese Maßnahmen geraten jedoch mit dem Dimmen der Lichter im Zuschauerraum in den Hintergrund, denn jetzt liegt der Fokus ganz auf der hell erleuchteten Theaterbühne.

Auf dieser befindet sich eine Klavierspielerin, die während des gesamten Stückes für einen musikalischen Unterton und die Begleitung der live gesungenen Lieder sorgt. Davon gibt es nämlich eine ganze Menge, sodass man teilweise das Gefühl hat in einem Konzert zu sein. Aber wer singt überhaupt? Neben einer unfreundlichen Marktfrau, einer verliebten Frau im Brautkleid oder einem Pfarrer gibt es verschiedene, originelle Typen. Manche streiten miteinander oder verlieben sich ineinander, aber die meiste Zeit stehen die Schauspieler*innen allein auf der Bühne und erzählen oder erleben eine kurze Geschichte, deren Thema oder Stichworte, wie in einem Musical, im darauffolgenden Lied aufgegriffen werden.

Das Stück erweckt in einem*r Bamberger Zuschauer*in sofort eine vertraute Atmosphäre, da es auf dem Maxplatz spielt. Auch die Charaktere sind größtenteils „freilich“ Bamberger*innen und verkörpern teilweise auch für die Region typische Eigenschaften und Mentalitäten. Wie zum Beispiel der für Bamberg zu coole und deshalb weggezogene Brose-Baskets-Fan im Anzug, der passend dazu den Song „In dieser Stadt“ von Hildegard Knef singt. Oder die wirsche Marktfrau, die sich gerne über ihre Kunden beschwert, aber dennoch sehr lebensfroh ist und deshalb das Lied „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros performt. Hierbei wird auch die Coronakrise mit der etwas veränderten Liedzeile „das Karussell wird sich weiterdrehen, auch wenn wir auseinanderstehen“ aufgegriffen.

Diese Zuversicht zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend, unter anderem auch in der Sequenz in der der Pfarrer über Wünsche und Wunder singt. Aber auch der Humor kommt nicht zu kurz, denn die Szenen stellen oft kleine Sketche dar. Gegen Ende des Stückes beispielsweise verwandelt sich der Pfarrer kurzzeitig in den Gabelmann und verliert neben seiner Frömmigkeit auch seinen Umhang, daraufhin merkt er, dass er ohne den Glauben leichter ist. Damit auch noch ein paar Liebeslieder, wie „Lets Do It (Lets Fall In Love)“ von Ella Fitzgerald oder „Shallow“ von Lady Gaga gesungen werden können, entsteht zwischen der Frau im Brautkleid, die offensichtlich auch heiraten will, und dem Amerikaner eine Liebesgeschichte.


Insgesamt steht der Faktor Unterhaltung bei diesem Stück an oberster Stelle und das erklärte Ziel der Hauptfiguren ist es, dem Publikum eine schöne Zeit zu bescheren. In einer Szene werden die Zuschauer*innen diesbezüglich sogar direkt mit der Frage „Wie soll man euch Stinktiere in Stimmung bringen?“ angesprochen. Letzten Endes ist das den Darsteller*innen tatsächlich sehr gut gelungen, wie man am Gelächter im Publikum oder im Nachgespräch mit einigen Zuschauern*innen erkennen kann. Immer wieder fällt hier das Stichwort „amüsant“ oder es hat ihnen „einfach mal wieder richtig Spaß gemacht, ins Theater zu gehen“. Das Stück reagiert damit exzellent auf das Bedürfnis der Menschen, sich auch in der heutigen schwierigen Zeit zu vergnügen und die Probleme des Alltags zu vergessen. Auch die Texte von Daniil Charms stehen ganz unter diesem Motto. Sie stehen für sinnhaften Unsinn, bei denen banal scheinende Alltagssituation auf paradoxe und absurde Weise parodiert werden.

Der musikalische Abend endet passend zur gegenwärtigen Ungewissheit mit dem hoffnungsvollen Lied „We`ll Meet Again“ von Vera Lynn mit den Lyrics „We’ll meet again, don’t know where, don’t know when, but I know we’ll meet again some sunny day. Keep smiling through.” Die Corona-Krise hat dieses Theaterstück also maßgeblich beeinflusst, aber nicht nur inhaltlich, sondern auch praktisch. Die Schauspieler*innen müssen untereinander natürlich einen Sicherheitsabstand einhalten, was vor allem in den Tanzsequenzen ersichtlich wird, bei denen alle auf der Bühne sind. Auch die Zuschauer*innen müssen beim Verlassen der Sitzplätze wieder die Hygienemaßnahmen beachten, unter anderem erst dann aufstehen, wenn sich die hintere Reihe erhoben hat. Gerade beim Aufstehen oder Platz suchen, erzählen ein paar Probezuschauer*innen, sei es teilweise schwer gefallen den Abstand einzuhalten, aber generell biete das Theater genug Platz und Ausschilderungen diesen, zum Beispiel bei der Schlange an der Garderobe, einzuhalten.


Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs setzt damit ein hoffnungsvolles Zeichen für die Kulturszene in Bamberg. Dadurch, dass man mittlerweile an die meisten Corona-Maßnahmen gewöhnt ist, fallen diese während des Theaterbesuches gar nicht so sehr ins Gewicht. Viel mehr liegt der Fokus darauf, voll und ganz in das Stück einzutauchen, bis man gedanklich in der entstandenen Welt auf der Bühne lebt.